Mythendämmerung - Manfred Frank - 2008


Manfred Frank

Mythendämmerung

Richard Wagner im frühromantischen Kontext

Fink Wilhelm GmbH + Co.KG
Einband: Kartoniert / Broschiert
Sprache: Deutsch
Umfang: 173 Seiten
Gewicht: 307 g
Maße: 234 x 157 mm
Stärke: 16 mm


Zum Inhalt:

Zwei mächtige Anregungen der Frühromantik hat Richard Wagner in seinen theoretischen Schriften und in seiner musikalischen Technik de facto nicht nur aufgegriffen, sondern wirklich verarbeitet: die Idee einer ›Neuen Mythologie‹ und die kompositorische Verfahrensweise der ›totalen Durchführung‹. Manfred Frank, einer der besten Kenner der frühromantischen Literatur und Philosophie und einer der gebildetsten unter den kritischen Liebhabern des Komponisten, geht ihnen in Wagners Werken nach.
Die Idee einer ›Neuen Mythologie‹ reagiert auf ein gegen Ende des 18. Jahrhunderts – dem Jahrhundert der Aufklärung – verbreitetes Gefühl, dass mit der Schleifung der Bastionen von Religion und Metaphysik der Quell zum Versiegen gebracht worden sei, aus dem soziale Bräuche und Gesellschaften bisher insgesamt ihre Rechtfertigung bezogen. Die Frage war: Lässt sich Rechtfertigung auch umgekehrt aus einer konzertierten Aktion vereinigter Einbildungskräfte generieren, wie es vormals die Mythen waren?
Wagners Dresdener und Züricher Schriften sind von diesem Gedanken inspiriert, und der Ring hätte ein solch universeller Mythos sein sollen. Aber mit der Arbeit am Ring fand Wagner – parallel zur Philosophie der Mythologie und der Offenbarung des späten Schelling –, dass die Mythologie einen Verblendungszusammenhang reflektiere, der logisch in die Selbstabdankung der Götterwelt münde: die Befreiung der Menschen von der übersinnlichen Welt. Auf diesen modernen Gedanken verweist schon sein Tragödienentwurf Jesus von Nazareth aus dem Dresdener Revolutionsfrühling 1849 und die Tragödie des Fliegenden Holländers, der die Verwünschung der übersinnlichen Welt büßt.
Ist der übersinnliche Hafen verloren, so muss auch die Kunst, der Ausdruck der ›menschlichen Wirklichkeit‹, formal den Identitätsverlust des Menschen reflektieren. Die ›unendliche Melodie‹ setzt das Verfahren der ›romantischen Ironie‹ um, wonach jeder Assertion ihr eigenes Dementi ein-gebildet sein muss: Es kann bei ihr nicht bleiben, ein gleichmäßiges Metrum ist nicht realistisch, (fast) jede Textsilbe verlangt einen anderen Ton, und die künstlerische Darstellung der menschlichen Wirklichkeit verlangt nach einer in der Musikgeschichte ungekannt unübersichtlichen Melodieführung, deren beglaubigte Erbin die freie Atonalität ist.

Zum Autor:
Manfred Frank ist Professor für Philosophie in Tübingen.

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