Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

 

Der Ring des Nibelungen

Vorabend:
Das Rheingold
Uraufführung: 22. September 1869, München

Spieldauer: ca. 2.30 Stunden

Erster Tag:
Die Walküre
Uraufführung: 26. Juni 1870, München
Spieldauer: ca. 4.30 Stunden

Zweiter Tag:
Siegfried
Uraufführung: 16. August 1876, Bayreuth

Spieldauer: ca. 4.30 Stunden

Dritter Tag:
Götterdämmerung
Uraufführung: 17. August 1876, Bayreuth

Spieldauer: ca. 5.00 Stunden

 

Der Ring des Nibelungen

Über das Werk:

Entstehung:
"Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel aufzuführen in drei Tagen und einem Vorabend",
Richard Wagners größtes und ambitioniertestes Werk, entstand in einem Arbeitsprozess von über 30 Jahren Dauer. Er selbst berichtete, dass die Sagen des deutschen Altertums, später dann auch die altgermanische Mythologie in den Jahren nach der Rückkehr aus Paris 1842 sein liebster Studiengegenstand waren. Erste Frucht dieser Arbeit war 1848 der Aufsatz "Die Nibelungen. Weltgeschichte aus der Sage": eine Zusammenschau und Interpretation verschiedener Sagenkreise (darunter das Nibelungenlied und die Edda), in der einige Hauptmotive des "Rings" bereits benannt wurden. Unmittelbar darauf folgte unter dem Titel "Die Nibelungensage (Mythus)" ein Prosaentwurf, der die gesamte Handlung der späteren Tetralogie enthielt, obwohl Wagner zu diesem Zeitpunkt nur an der Dramatisierung des letzten Teils interessiert war. Diese nahm er dann auch sofort in Angriff, und schon im November war die Dichtung zu "Siegfrieds Tod" abgeschlossen.
Im Sommer 1850 signalisierte Franz Liszt aus Weimar, dass die dortige Direktion Interesse an dem neuen Werk habe. Doch Wagner brach die Komposition ab, weil das von ihm szenisch wie musikalisch Gewollte nach seiner Meinung über die Leistungsfähigkeit der Theater weit hinausging. Zudem war ihm klar geworden, dass er, um "Siegfrieds Tod" überhaupt verständlich zu machen, den gesamten Mythos würde erzählen müssen. Daraufhin entstanden Prosaskizze und Versdichtung zu einem zweiten Drama, "Der junge Siegfried".
Als nächstes entwickelte er 1850/51 in der Programmschrift "Oper und Drama" die Grundlagen des Musikdramas. Erst danach wagte er sich wieder an das riesige Werk und beschloss es in eine Tetralogie von Musikdramen zu fassen - ein Projekt, dessen Dimensionen alles bisher Da gewesene weit überschritt. Im November 1851 teilte er Liszt diesen neuen Plan mit, und in einem Brief an Theodor Uhlig aus der selben Zeit erwähnte er zum ersten Mal ein eigenes Festspieltheater, in dem dieses jeden regulären Theaterbetrieb sprengende Werk aufgeführt werden könnte. Noch im selben Monat entstanden Prosaskizzen zu "Rheingold" und "Walküre", 1852 wurden beide Dichtungen in Wagners Zürcher Exil abgeschlossen. Anschließend überarbeitete er "Siegfrieds Tod" und den "Jungen Siegfried". Damit lag die vollständige "Ring"-Dichtung am 15. Dezember 1852 vor. Am 5. September 1853 hatte Wagner dann eines jener vielzitierten "Inspirationserlebnisse", in einem Hotelbett im italienischen La Spezia. Dort überkam ihn die "Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke. Das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-Dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahinwogte...".
Wagner kehrte nach Zürich zurück und begann kurze Zeit darauf die Kompositionsskizze zum "Rheingold" mit eben jenem gebrochenem Dur-Dreiklang, der sich aus dem zunächst mehrere Takte allein erklingenden tiefen "Es" der Kontrabässe entwickelt und dessen "unaufhaltsames Wogen" dann den Uranfang der Welt darstellte. Am 1. Januar 1854 war die Komposition des "Rheingolds" abgeschlossen, und Wagner begann sogleich mit der "Walküre". Der zweite Akt mit der entscheidenden, aber schwer zu gestaltenden Szene zwischen Wotan und Brünnhilde machte ihm schwer zu schaffen, Krankheiten und die bescheidenen Lebensumstände im Schweizer Exil taten das ihre. Doch am 20. März 1856 war auch die "Walküre" vollendet.
Als Nächstes überarbeitete er den Text des letzten Teils: Brünnhildes Schlussgesang bekam einen neuen Text, der Titel wurde von "Siegfrieds Tod" in Götterdämmerung" geändert. Im September beendete er den ersten Akt von "Siegfried". Mitten im zweiten Akt allerdings brach er die Komposition ein weiteres Mal ab; zum einen war ihm klar geworden, dass kein Theater der Welt den "Ring" aufführen würde, zum anderen beschäftigten ihn "Tristan und Isolde" und "Die Meistersinger von Nürnberg" zu sehr. Insgesamt zwölf Jahre dauerte die Unterbrechung; lediglich der zweite Akt des "Siegfried" wurde 1864/65 noch fertig gestellt.
Am 1. März 1869 nahm Wagner die Arbeit am "Ring" in seinem Haus in Tribschen bei Luzern wieder auf. König Ludwig 11. indessen, dem Wagner die Originalpartituren von "Rheingold" und "Walküre" zum Geburtstag geschenkt hatte, wollte mit der Aufführung der schon fertig gestellten Teile nicht warten, bis der ganze Zyklus komplettiert wäre. Er ließ im September 1869, gegen den erbitterten Widerstand Wagners, "Das Rheingold" in München uraufführen. Vorangegangen war eine chaotische öffentliche Hauptprobe vor illustren Gästen (u. a. Iwan Turgenjew, Camille Saint-Saens, Franz Liszt), die Wagner zu verschärften Interventionen, einige Sänger zum Rückzug und Kapellmeister Hans Richter zur Demission veranlasste.
Das endgültige Zerwürfnis mit König Ludwig bedeutete dann die wiederum gegen Wagners Willen durchgesetzte Münchener Uraufführung der "Walküre". Die Länge des Werks, insbesondere der Zwiegespräche im zweiten Akt, stieß auf Ablehnung, ebenso der ungeheuerliche Tabubruch einer Inzestdarstellung. Wagner nannte die Aufführung, der er ferngeblieben war, eine "Hinrichtung" seines neuen Werks. Nach diesen Erfahrungen ließ er sich mit der Komplettierung des "Siegfried" Zeit. Erst am 5. Februar 1871 wurde er abgeschlossen. Zugleich hatte Wagner seit 1870 an der "Götterdämmerung" gearbeitet. Als er im Frühjahr 1871 die ersten Bayreuther Festspiele öffentlich für 1873 ankündigte, war das letzte Stück der Tetralogie noch immer nicht über den ersten Akt hinausgediehen. Die Skizze des zweiten Akts entstand dann im Herbst 1871, die des dritten Akts im Frühjahr 1872.
Am 22. April dieses Jahres übersiedelte Wagner mit seiner zweiten Frau Cosima und dem dreijährigen Sohn Siegfried nach Bayreuth, wo am 22. Mai der Grundstein zum Festspielhaus gelegt wurde. Das Grundstück hatte Wagner von der Stadt geschenkt bekommen. Am 21. November 1874 vollendete Wagner in seinem Bayreuther Haus Wahnfried die Partitur der "Götterdämmerung" und damit den gesamten "Ring des Nibelungen".
Schon 1875 begannen die Vorproben für die auf das nächste Jahr terminierte Uraufführung. Wagner selbst erarbeitete mit den Sängern in zäher und geduldiger Kleinarbeit den völlig neuen musikdramatischen Stil, der von ihnen in diesem Werk gefordert wurde. Doch auch zahllose andere Probleme gab es. So wurde der Drache für "Siegfried", der in einem Londoner Spezialatelier bestellt worden war, viel zu spät und außerdem unvollständig geliefert. Hans Richter erwies sich als überfordert (Cosima berichtete, er habe kein einziges Tempo korrekt angeben können). Besonders unglücklich war Wagner über die Kostüme; er wollte das Geschehen in der Zeitlosigkeit des Mythos angesiedelt wissen, nicht an einem historisch konkreten Ort. Dennoch wurden die vorgeblich ethnologisch-authentischen Flügelhelme, Felle und Trinkhörner sogleich Bestandteil einer lang anhaltenden Aufführungstradition. Allen Schwierigkeiten zum Trotz hob sich der Vorhang des Bayreuther Festspielhauses pünktlich am 13. August 1876 über der Premiere des "Rheingolds". Am 14. August folgte "Die Walküre", die Uraufführungen von "Siegfried" und "Götterdämmerung" waren am 16. und 17. August. Sie alle waren aufgrund der erwähnten Schwierigkeiten von der Qualität einer "Modellaufführung" weit entfernt; von der Eröffnungsvorstellung wird berichtet, sie sei wegen technischer Pannen beinahe zur Katastrophe geworden.

Wirkung. Ungeachtet der Unvollkommenheiten der Aufführung war die erste geschlossene Aufführung des "Rings" 1876 in Bayreuth ein glanzvolles, weltweit beachtetes Ereignis. Die Anwesenheit des deutschen Kaisers veranlasste Karl Marx dazu, Wagner als "Staatsmusiker" zu bezeichnen - doch die Wirklichkeit sah anders aus. Die Presse war überwiegend negativ, Wagner beim Publikum nach wie vor höchst umstritten, und die Theaterleiter erklärten übereinstimmend, den gesamten "Ring" nicht aufführen zu können. Doch alle Anfragen, das äußerlich wirkungsvollste der vier Dramen, "Die Walküre", separat aufzuführen, beschied Wagner abschlägig.

Eigentlich war es sein Wunsch, den "Ring" für Bayreuth zu reservieren. Finanzielle Gründe ließen ihn schon 1877 von diesem Begehren Abstand nehmen, und so erhielt der Leipziger Operndirektor Angelo Neumann 1878 die Erlaubnis, die gesamte Tetralogie herauszubringen. Scheinbar waren die Aufführungen durchaus befriedigend, denn Franz Liszt berichtete Wagner, einiges sei durchaus besser gelungen als in Bayreuth. In der Folge kamen Gesamtaufführungen des "Rings" in München, Wien und Hamburg zustande.
Einen großen Aufschwung nahm die "Ring"-Rezeption durch einen genialen Einfall Angelo Neumanns: Er schickte seine erfolgreiche Leipziger Produktion auf Tournee durch ganz Europa. Es begann 1881 mit einem Gastspiel des Leipziger Theaters in Berlin: ein großes Ereignis in Gegenwart des gesamten kaiserlichen Hofs und ein finanzieller Erfolg. Danach wandelte Neumann sein Leipziger Ensemble in ein regelrechtes Reisetheater um, kaufte den Bayreuther Dekorationsfundus (das Festspielhaus war seit 1876 aus Geldmangel nicht mehr bespielt worden) und machte den "Ring" von Rom bis St. Petersburg, von Brüssel bis Budapest bekannt. Überall drängte man sich, die Vorstellungen des berühmt-berüchtigten Werks zu sehen, und als die Tournee 1883 in Graz endete, war der "Ring" durchgesetzt.
Erst 20 Jahre nach der Uraufführung erschien die Tetralogie wieder auf der Bayreuther Bühne, und zwar in einer Inszenierung von Cosima Wagner, die bei diesem "Gründungswerk" der Festspiele besondere
Pietät walten ließ und bestrebt war, lediglich eine technisch verbesserte Variante der Konzeption von 1876 zu bieten.
Wieder, wie schon zuvor bei "Tristan", war es der Bühnenbildner Adolphe Appia, der Wagners Anspruch, nicht historische, sondern zeitlos-mythische Stoffe zu gestalten, einlöste. Schon 1892 formulierte er die Forderung nach einer nichtrealistischen Szene (der "plastische Raum"), nach "aktivem, gestaltendem Licht" und nach "Stilisierung". Als er seine Vorstellungen 1925 in Basel umsetzen konnte, ging er noch weiter und schuf völlig abstrakte Bilder. Unter dem Einfluss von Appias Schriften wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nichtrealistische Inszenierungen die Regel: Es gab strenge Dekorationen im Appia-Stil (Leo Pasetti, München 1921) oder "expressionistische Farblichtmusiken" (Johannes Schröder, Saladin Schmitt, Duisburg 1922).

Bei den ersten Bayreuther Festspielen nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Wieland Wagner 1951 mit seiner "Entrümpelung der Bühne" einen wichtigen Akzent in der Inszenierungsgeschichte. In Ausstattung und Personenregie waren Abstraktion und Symbolik wesentlich, die Lichtregie hatte ebenso zentrale Bedeutung.
Ein neues Kapitel in der "Ring"-Rezeption wurde mit Patrice Chereaus "Jahrhundert-Ring" (= zur Hundertjahrfeier der Festspiele) 1976 in Bayreuth, aufgeschlagen. Die Bühnenbilder entwarf Richard Peduzzi, Dirigent war Pierre Boulez. Die Inszenierung suchte die Aktualität des Werks nicht mehr in der Zeitlosigkeit, sondern gerade in der Zeitbezogenheit und diskutierte die Freiheit des Individuums in einem Machtsystem am Beispiel des gründerzeitlichen Industriekapitalismus. Die Inszenierung löste 1976 den wahrscheinlich größten Proteststurm in der Geschichte des Festspielhauses aus; als sie 1980 zum letzten Mal zu sehen war, kam es, ganz im Gegenteil, zur längsten Beifallskundgebung, die man dort je erlebt hatte. Aber bereits zuvor hatte es richtungweisende innovative Interpretationen gegeben: so von Ulrich Melchinger in Kassel (1970-74), Joachim Herz (Leipzig 1973-76) und in London von Götz Friedrich (1974-76).
Die "Ring"-Rezeption in Bayreuth seit den 1980er Jahren wurde von den Regisseuren Harry Kupfer, Alfred Kirchner und Jürgen Flimm geprägt. Von den zahlreichen interpretatorischen Annäherungen außerhalb des "Grünen Hügels" fiel vor allem der Versuch des Staatstheaters Stuttgart auf, den Zyklusvier verschiedenen Regisseuren anzuvertrauen, aber dennoch zur Einheit aus der Vielheit zu schmieden (die musikalisch durch Lothar Zagrosek als Dirigent der Tetralogie a priori gegeben war). Der Choreograph Joachim Schlömer rückte "Rheingold" dabei in Christoph-Marthaler-Nähe, "zwischen Mafia und Vierziger-Jahre-Kino" (Bernd Feuchtner); Christof Nel stellte "Die Walküre" als Familiendrama, unter nussbaumfurnierten Platten beginnend, dar. Am dritten Abend zeigte Jossi Wieler, wie der Jungrocker Siegfried mit Mime, dem "Gruftie", und dem Altrocker Wotan fertig wird, ehe er mit Brünnhilde, dem unbekannten Wesen, einen "Kulturschock" erleidet. Und Peter Konwitschny bereitete in "Götterdämmerung" bei vollem Licht im Saale zum Schluss dem Mythos ein Ende: "Die Gefühle zittern nach, doch nichts Erhebendes beseelt die Brust. Nur Ratlosigkeit" (Feuchtner). Ein Ring für das neue Millenium?

 

 

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