Die Oper Lohengrin von Richard Wagner

 

Lohengrin Romantische Oper  WWV: 75
Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 28. August 1850 am Hoftheater Weimar (Leitung: Franz Liszt)
Spieldauer: ca. 4.00 Stunden

Über das Werk:

Entstehung:
Erstmals befasste sich Wagner mit dem "Lohengrin"-Stoff in Paris. Seine Kenntnis verdankte er derselben Abhandlung von Dr. Lucas, der er bereits die Idee zur "Tannhäuser"-Handlung verdankte. Zum Quellenstudium zog er u.a. heran: Joseph Görres' Ausgabe des "Lohengrin"-Epos, eine Neuübertragung von Wolfram von Eschenbachs "Parsifal", die Sagen- und Mythensammlungen der Brüder Grimm, Jacob Grimms "Deutsche Rechtsaltertümer" und eine "Flandrische Staats- und Rechtsgeschichte bis zum Jahr 1305". Im Sommer 1845 schrieb er während eines Kuraufenthalts in Marienbad, in nur wenigen Tagen den gesamten Prosaentwurf nieder, der für einige zentrale Passagen bereits den genauen Wortlaut fixierte. Im Spätherbst 1845 vollendete Wagner die Dichtung.
Während der Theaterferien im Sommer des folgenden Jahres nahm er die Vertonung in Angriff. Am 3. September folgte die erste Orchesterskizze - jene zum dritten Akt, weil dessen "Gralserzählung" den Kern der Komposition bildete. Das Particell war am 28. August 1847 vollendet; die Instrumentation benötigte noch bis zum 28. April 1848. Wieder wurde die Uraufführung an der Dresdner Hofoper ins Auge gefasst, doch Wagner hatte sich unterdessen so deutlich zur Pariser Revolution von 1848 bekannt, dass daran nicht mehr zu denken war. Als Franz Liszt 1850 die Uraufführung in Weimar wagte, war Wagner bereits ein steckbrieflich gesuchter Barrikadenkämpfer, der in der Schweiz politisches Asyl genoss. Die Inszenierung richtete sich, soweit es die Mittel des Weimarer Theaters erlaubten, nach den Vorgaben Wagners.

Zur Musik:
"Lohengrin" ist als "romantische Oper" bezeichnet, und in der Tat folgt er einem Muster, das in Webers "Euryanthe" vorgeprägt war. Gerade dieser Vergleich der in der Grundkonstellation so ähnlichen Stücke (helles, gutes Protagonistenpaar: Sopran und Tenor; böses dunkles Antagonistenpaar: Bariton und Mezzosopran; vermittelnder König: Bass) zeigt aber auch deutlich, welchen Fortschritt der "Lohengrin" bedeutet. Was in dem von Weber vertonten Libretto konventionelle Eifersuchtsgeschichte ist, wird im "Lohengrin" zum Ideendrama, zum unauflöslichen Konflikt zwischen Utopie und Realität - ein typisch romantischer Inhalt.
Elsa verkörpert in dieser Konstellation die ersehnte Zukunft: die Menschenliebe, die "reinste sinnliche Unwillkür", den "Geist des Volkes"; Wagner notierte später, die Beschäftigung mit dieser Figur habe ihn zum "Revolutionär" gemacht. Ortrud hingegen, deren "Hang zum Vergangenen... zum mörderischen Fanatismus wird", verkörpert das Machtstreben. In einem Brief an Franz Liszt hat Wagner sie rundheraus als "Reaktionärin" bezeichnet - einer von vielen Hinweisen, dass bei "Lohengrin" ein ganz konkreter politischer Hintergrund mitzudenken ist. Dass es um diesen weit eher geht als etwa um den historischen Konflikt von Christentum und Heidentum zur Zeit Heinrichs I, macht ein Satz in Wagners "Mitteilung an meine Freunde" von 1851 deutlich: "Wem an Lohengrin nichts weiter begreiflich erscheint als die Kategorie: Christlich-romantisch, der begreift eben nur eine zufällige Äußerlichkeit, nicht aber das Wesen der Erscheinung."
Der Umwandlung der "romantischen Oper" in ein Ideendrama entspricht musikalisch die endgültige Überwindung der Nummernoper. Szenen und Akte werden durch weitgehende Gemeinsamkeit des thematischen und motivischen Materials zur Einheit gefügt, auch werden den Personen und ihren "Sphären" bestimmte Tonarten und "Leitklänge" zugeordnet: Lohengrin und die Gralswelt haben als Haupttonart das leuchtende A-Dur, Ortrud und Telramund werden sinnfällig durch die parallele Molltonart, fis-Moll, charakterisiert, der gewissermaßen "neutrale" König Heinrich erhält vorzeichenloses C-Dur; entsprechend dominieren bei Lohengrin helle Klangfarben, insbesondere - ein damals viel bewunderter Effekt - der ätherische Klang der mehrfach geteilten Violinen, während Ortrud und Telramund durch den verhangenen Klang tiefer Streicher und Holzbläser, der König hingegen durch strahlendes Blech bezeichnet werden. Dennoch ist auch hier das Musikdrama noch nicht Wirklichkeit geworden, finden sich noch konventionelle Versatzstücke, wie der populäre Brautchor des dritten Akts; auch ist die Leitmotivtechnik noch nicht voll entwickelt. Neuartig und bedeutsam ist der "sinfonische" Orchestersatz, in dem erstmals eine Fülle von Nebenstimmen mit eigenständiger Melodik auftreten - Voraussetzung für die voll entwickelte Leitmotivtechnik.

Wirkung:Die Weimarer Uraufführung wurde weitgehend verständnislos aufgenommen, der Anspruch des Werks schüchterte ein, seine Gestalt entfernte sich allzu weit vom Gewohnten. In den folgenden zehn Jahren jedoch führten nicht weniger als 21 Theater den "Lohengrin" auf. 1861 sah der 15-jährige bayrische Kronprinz Ludwig das Werk zum ersten Mal - ein folgenreiches Erlebnis, denn es veranlasste Ludwig, unmittelbar nach seiner Thronbesteigung 1864 Wagner an den Münchner Hof zu binden.1867 befahl der König eine Neuinszenierung der Oper, über die es zum Streit mit Wagner kam: Dieser wollte nämlich schlichtes ("frühmittelalterliches") Dekor, während Ludwig auf prachtvoller, an Formen des Hochmittelalters orientierter Ausstattung im "Neuschwanstein"-Stil bestand. Der König setzte sich durch, und in der Folge wurde "Lohengrin" meist als aufwendig dekoriertes Märchenspektakel in Szene gesetzt.
Unterdessen hatte eine stark nationalistisch gefärbte "Lohengrin"-Rezeption eingesetzt: Die Identifikation mit dem Heilsbringer Lohengrin wurde Teil der offiziellen Ideologie. Kaiser Wilhelm 11. ließ sich bei seinem Einzug in Hamburg in einem von einem Schwan gezogenen Boot sehen; und noch Adolf Hitler wurde von der nationalsozialistischen Propaganda ohne Umschweife mit dem "Führer von Brabant" gleichgesetzt. Dass der Heilsbringer scheitert, der Konflikt keine - und schon gar nicht eine einfache -Lösung finden kann, dass die Verwirklichung des Heils eben nicht stattfindet, der Schluss tragisch, das letzte Textwort "Weh!" lautet - all dies wurde verdrängt.


Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten zunächst die Neu-Bayreuther Reforminszenierungen neue Akzente, vor allem Wieland Wagners Produktion von 1958 (Dirigent: Andre Cluytens). Von den neueren Inszenierungen sei Götz Friedrichs Bayreuther Festspielproduktion von 1979 genannt. Eine völlig ausgefallene, aber nichtsdestoweniger völlig stimmige Interpretation gaben Peter Konwitschny und Ingo Metzmacher im Januar 1998 an der Hamburgischen Staatsoper: Das Geschehen wurde in ein Klassenzimmer der wilhelminischen Ära verlegt; in diesem Kontext war das "Stück über spielende, streitende Kinder... alles andere als ein Kinderspiel... Die aggressiven Kriegsspielchen vom "deutschen Reich" und vom "deutschen Schwert" gewannen im Vorfeld von zwei Weltkriegen ganz anderes Gewicht als im Bühnenmittelalter von Brabant" (Stephan Mosch). Deutschland Kritiker wählten die Aufführung zur "Inszenierung des Jahres".

 

 

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