Die Oper Parsifal von Richard Wagner

 

Parsifal
Ein Bühnenfestspiel in drei Akten
WWV: 111
Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 26. Juli 1882 Bayreuth (Leitung: Hermann Levi)
Spieldauer: ca. 4.30 Stunden

Über das Werk:

Entstehung:
Im Sommer 1845, während des Kuraufenthaltes in Marienbad, auf dem Wagner auch die Szenarien für "Lohengrin" und "Die Meistersinger von Nürnberg" entwarf, beschäftigte sich der Komponist erstmals mit dem "Parzival"-Stoff. Ein "Inspirationserlebnis" soll dann 1857 den Anstoß für die erste Prosaskizze gegeben haben: ein sonniger Karfreitagsnachmittag im Garten des Zürcher "Asyls" (das dem politischen Flüchtling Wagner von seinem Gönner Otto Wesendonck zur Verfügung gestellt worden war), dem Wagner die Grundstimmung des ganzen Stücks ("Karfreitagszauber") entnahm. Diese Skizze nahm er erst acht Jahre später auf Drängen König Ludwigs 11. wieder hervor und verfasste einen zweiten Prosaentwurf. Doch erst Anfang 1877 beschloss er endgültig, diesen Plan zu realisieren. Noch im Januar desselben Jahres entstand ein vollständiges Libretto in Prosa, dem in nur vierwöchiger Arbeit im März und April die vollständige Dichtung folgte. Bei dieser Gelegenheit änderte Wagner den Namen von "Parzival" in "Parsifal", im Glauben, dies sei die richtige, aus dem altpersischen "fal parsi" (der törichte Reine) abgeleitete Schreibweise.
Ab dem Spätsommer entstand dann die Musik, und zwar Kompositions- und Orchesterskizze nebeneinander. Im Dezember erschien das Libretto im Druck. Ein Exemplar sandte Wagner an Friedrich Nietzsche. Dieser sandte zeitgleich sein neues Buch "Menschliches, Allzumenschliches" an Wagner, dessen Inhalt mit der Ethik des Mitleides, die den "Parsifal" trägt, nichts mehr gemein hatte.
Die Komposition zog sich hin: Mühe machte Wagner besonders die "lichtlose", melancholische Musik zum Vorspiel des dritten Akts, doch auch die anderen Teile wuchsen sehr bedachtsam. Vor allem der Gedanke an die Aufführung und ihre Vorbereitung, die Konfrontation seines Mysteriums mit dem banalen Alltag, ließ Wagner immer wieder davor zurückschrecken. Während eines zehnmonatigen Italien-Aufenthalts im Jahr 1880 wurde "Parsifal" beiseite gelegt. Ein Besuch im Dom zu Siena riss den Komponisten jedoch zu Tränen der Ergriffenheit hin: Die Kuppel dieses Baus sollte das Vorbild für den Gralstempel werden. In Ravello über dem Golf von Neapel hatte er gemeint, im Garten des Palazzo Rufolo das Vorbild für Klingsors Zaubergarten gefunden zu haben. In einem Brief aus Siena teilte Wagner König Ludwig 11. mit, wegen des besonderen Charakters des Werkes wolle er den "Parsifal" Bayreuth vorbehalten, um ihn vor der "Entweihung" im Amüsierbetrieb der Theater zu schützen.
Nach der Rückkehr aus Italien vollendete Wagner die Komposition und begann zugleich mit der Instrumentation und der Partiturreinschrift. 1881 wurde der erste Akt fertig gestellt; im Oktober war der zweite Akt vollendet. Wiederum begab sich Wagner mit seiner Familie über den Winter nach Italien. In Palermo wurde die Partitur am 13. Januar 1882 vollendet. Die Vorbereitungen zur Uraufführung begannen in Bayreuth am 2. Juli des Jahres. Wagner, dessen Antisemitismus zu dieser Zeit sehr ausgeprägt war, nahm Anstoß daran, ausgerechnet dieses Werk von einem Juden dirigiert zu sehen - Hermann Levi, dessen künstlerische Qualitäten er gleichwohl immer wieder bestätigte.
Zudem ärgerte er sich über das darstellerische Unvermögen der Sänger und die generelle szenische Unzulänglichkeit.

Zur Musik:
Die "Parsifal"-Musik bringt einen neuen Ton in Wagners Schaffen. Die motivische Arbeit ist, zumindest in den Außenakten, weniger dicht als in den "Ring"-Dramen; die chromatische "Tristan"-Harmonik ist Kundry, Klingsor und dem leidenden Amfortas vorbehalten, dagegen entfaltet sich die Gralswelt in reiner Diatonik; der Bestand der Leitmotive ist auf ein Minimum reduziert. Bestimmend für die Wirkung ist vor allem der Orchestersatz: möglicherweise nach dem Vorbild der Sinfonien Anton Bruckners werden die Instrumente bevorzugt in Gruppen (Holz-, Blechbläser- und Streicherchor) nach dem Vorbild der Orgelregistrierung eingesetzt. Dieser Effekt bestimmt wesentlich die sakrale Atmosphäre des "Bühnenweihfestspiels".

Wirkung:
Wagner hatte den "Parsifal" Bayreuth vorbehalten, im Übrigen ein (dort noch heute befolgtes) "Applausverbot" nach dem ersten Akt angeordnet. Beides zeigt deutlich genug, dass mit seiem "Bühnen-weihfestspiel" endgültig die Etablierung einer Kunstreligion angestrebt wurde. Es wurde denn auch in den ersten Jahren nach der Uraufführung in der Öffentlichkeit vor allem darüber debattiert, ob der "Parsifal" tatsächlich ein Zeugnis christlichen Glaubens oder doch eher eine Blasphemie sei. Wagner selbst hatte sich bei der Konzeption des Werks an der Tradition des europäischen sakralen Theaters, namentlich den Stücken Calderons, orientiert (der Terminus "Bühnenweihfestspiel" ist als freie Übersetzung des spanischen "auto sacramental" oder des italienischen "azione sacra" zu verstehen).
Die erste szenische Aufführung außerhalb Bayreuths erfolgte 1903 an der New Yorker Met und war nicht autorisiert. Diese Produktion, die Cosima Wagner nicht hatte verhindern können, da die USA der Konvention zum Schutz der Urheberrechte noch nicht beigetreten waren, ist als "Gralsraub" in die Geschichte eingegangen. 1914 dann erlosch die damals nur dreißigjährige Schutzfrist für das Werk, und noch im Januar kam es weltweit zu über 50 Neuinszenierungen. Zwar versuchte man vielfach, den Charakter des "Bühnenweihfestspiels", wie er durch die seit 1882 nicht veränderte Bayreuther Inszenierung festgelegt worden war, beizubehalten, doch auch andere Stilrichtungen, vom Naturalismus bis zum Symbolismus, waren vertreten. Großen Einfluss hatten auch wieder die Entwürfe des Bühnenbildreformators Adolphe Appia, die zwar nicht ausgeführt wurden, aber zahlreichen anderen Ausstattern als Anregung dienten.
Nach 1945 wurden zunächst die stark abstrahierten Neu-Bayreuther Inszenierungen Wieland Wagners mit ihren vor allem durch Lichtwirkungen konstituierten Räumen ein weltweit respektiertes Vorbild. Eine grundlegende Veränderung trat in den 1970er Jahren ein: Erstmals wurde die heikle Frage offen diskutiert, ob und inwieweit der "Parsifal" von antisemitischer Ideologie geprägt sei; erstmals auch wagte es ein Regisseur (Wolfgang Wagner in seiner Bayreuther Inszenierung von 1975) die Gralswelt kritisch zu sehen. In der Folge erwies sich, dass gerade kritische Inszenierungen wie etwa jene Götz Friedrichs 1976 in Stuttgart und in den 1980er Jahren in Bayreuth, sowie viele seiner Kollegen danach - Harry Kupfer 1992 Unter den Linden in Berlin oder Peter Konwitschny 1995 an der Bayerischen Staatsoper sowie Nikolaus Lehnhoff 1999 an der English National Opera - es vermochten, die denkbare Kernbotschaft des Werks, eine Ethik des Mitleids, einem heutigen Publikum zu vermitteln. Im Grunde aber sperrt sich "Parsifal" gegen eine eindeutige Interpretation. Die Elemente von Christentum, Buddhismus, Schopenhauerscher Philosophie etc. überlagern einander, widersprechen sich. Dies liegt sicherlich zu einem wesentlichen Teil in der ebenso widersprüchlichen Person Wagners selbst begründet. Ganz in diesem Sinne ist auch die intelligente und kritische Filmversion des Werks von Hans Jürgen Syberberg (1982) zu sehen.


Uraufführung:

Ort der Uraufführung: 26.07.1882 im Bayreuther Festspielhaus (während der zweiten Bayreuther Festspiele)

Besetzung der Uraufführung:

Amfortas: Theodor Reichmann (Bariton)
Titurel: August Kindermann (Bass)
Gurnemanz: Emil Scaria (Bass)
Parsifal: Hermann Winkelmann (Tenor)
Klingsor: Karl Hill (Bass)
Kundry: Amalie Materna (Sopran oder Mezzosopran)
Zwei Gralsritter: nicht bekannt (Tenor und Bass)
Vier Knappen: nicht bekannt (Sopran und Tenor)
Stimme aus der Höhe: nicht bekannt (Alt)

Teilen: