Die Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg von Richard Wagner

 

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
Große romantische Oper in drei Akten
WWV: 70
Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 19. Oktober 1845 Dresden
Spieldauer: ca. 3.45 Stunden

 

Über das Werk:

Entstehung:
Wagner hatte sich im Winter 1841/42 in Paris mit der Tannhäuser-Sage beschäftigt. Sie war damals bekannt durch Ludwig Tiecks "Der getreue Eckart und der Tannhäuser" (1793) und durch das Tannhäuserlied von 1521, das Achim von Arnim und Clemens von Brentano in ihre Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1806) aufgenommen hatten. Die Geschichte vom "Sängerkrieg" auf der Wartburg, die ursprünglich nichts damit zu tun hatte, kannte Wagner aus E. T. A. Hoffmanns "Serapionsbrüdern" (1819). Eine erste, wenn auch flüchtige Verbindung beider Sagenkreise lernte Wagner in Ludwig Bechsteins Sammlung "Die Sagen von Eisenach und der Wartburg, dem Hörselberg und Reinhardsbrunn" (1835) kennen.
Wagner begann nun eigene philologische Forschungen über diese Gegenstände anzustellen und die verschiedensten Quellen zu diesen Themen zu studieren. Ausschlaggebend wurde die Schrift "Über den Krieg von Wartburg" von Dr. C. T. L. Lucas (1838). Mach dessen These ist Heinrich von Ofterdingen in der Legende vom Sängerstreit identisch mit Tannhäuser; da er zudem die Gestalt der heiligen Elisabeth einführt, kann mit gutem Grund angenommen werden, dass diese Schrift die wesentliche Quelle für das "Tannhäuser"-Libretto wurde.
Im Juni 1842 reiste Wagner nach Böhmen und unternahm lange Wanderungen, während derer er den großen Prosaentwurf zur dreiaktigen Oper "Der Venusberg" abfasste. Wenige Wochen zuvor hatte er erstmals die Wartburg gesehen, nun inspirierten ihn Naturerlebnisse. In der Kirche von Aussig ließ er sich ein Madonnenbild zeigen, das ihn in dem Beschluss bestärkte, der Figur der Elisabeth breiten Raum in der neuen Oper zu geben. Doch die Uraufführungen von "Rienzi" und "Der fliegende Holländer" und die daraus folgende Ernennung zum Königlich Sächsischen Hofkapellmeister nahmen seine Zeit in Anspruch, sodass er erst im Sommer 1843 die Dichtung des Textbuchs vollenden konnte. Ein weiteres Jahr dauerte es, bis Wagner Zeit und Muße hatte, um mit der Komposition zu beginnen. Am 13. April 1845 wurde die Partitur abgeschlossen. Nun erst wurde der Titel von "Der Venusberg" in "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg" geändert. Im September begannen die Proben, die sich wegen Einstudierungsschwierigkeiten und Dekorationsproblemen ungemein kompliziert gestalteten. Ausgerechnet die Dekoration zum zweiten Akt, die Sängerhalle, wurde nicht rechtzeitig fertig. So war die Uraufführung, die am 19. Oktober 1845 über die Bühne der Dresdner Hofoper ging, noch sehr provisorisch.

Zur Musik:
Wagners Verlangen nach einer Reform der Oper hat im "Tannhäuser" erstmals weitreichende Konsequenzen: Die dramatische Handlung ergibt sich mit logischer Zwangsläufigkeit aus der durch die psychische Disposition der Figuren bestimmten Situation - dramatisch nicht motivierte Einschübe um des Effekts willen fehlen völlig. Dennoch gibt es natürlich "Effekte", und zwar solche der stärksten Art: Der "Venusberg" ist ein Stück Zaubertheater, und die großen Chorszenen wie der "Einzug der Gäste" im zweiten Akt stehen hinter denen der Grand opera durchaus nicht zurück.
"Tannhäuser" ist ein Werk des Übergangs, kein Musikdrama. Im durchkomponierten Ablauf sind noch immer die "Nummern" zu erkennen (Elisabeths "Hallenarie", Wolframs "Lied an den Abendstern"), und auch die Umgestaltung der herkömmlichen Opernmelodie in einen gesteigerten musikalischen Ausdruck der "im Sprachvers ausgedrückten Empfindung" ist noch nicht vollkommen verwirklicht. Die völlig neue Kongruenz von Wort und Ton, die Wagner anvisiert, erreicht er nur stellenweise in der "Romerzählung" (dritter Akt), die als der eigentliche Beginn des Musikdramas gilt.

Wirkung:
Die Dresdner Aufführung war nach Wagners eigener Einschätzung "missglückt", die Publikumsreaktion geteilt. Mit "Tannhäuser" war Wagner endgültig zum avantgardistischen "Zukunftsmusiker" geworden, dessen Werk bei einer Minderheit enthusiastische Zustimmung fand, bei der konservativen Mehrheit hingegen auf entschiedene Ablehnung stieß. Nach nur acht Vorstellungen wurde "Tannhäuser" abgesetzt. Für die Wiederaufnahme 1847 änderte Wagner den Schluss und fügte, um das Geschehen verständlicher zu machen, Elisabeths Trauerzug und den Auftritt mit ihrer Totenbahre ein. Diese "Dresdner Fassung" ist eine der beiden heute gebräuchlichen Versionen der Oper.
Den Durchbruch erlebte "Tannhäuser" bei der umjubelten Weimarer Erstaufführung am 16. Februar 1849 unter Franz Liszt. Den weiteren Weg der Oper konnte ihr Schöpfer nur mehr aus dem Schweizer Exil verfolgen: In Kassel brachte Louis Spohr, der zuvor bereits den "Fliegenden Holländer" aufgeführt hatte, die Novität 1853; in Hannover (1855) sang erstmals der berühmte Tenor Albert Niemann die Titelrolle. Allmählich zeigten auch die großen Theater Interesse: München brachte am 12. August 1855 eine nach den genauen Anweisungen Wagners erstellte "Musteraufführung" heraus, obwohl die Presse gegen den "landesflüchtigen Verbrecher" Front machte. Mit dieser prunkvoll dekorierten Inszenierung begann die lange Reihe der Aufführungen, deren Erfolg weniger auf die nach wie vor umstrittene Musik, als vielmehr auf den Schauwert der Ausstattung zurückgeführt werden muss. Berlin folgte, nach langen Querelen, 1856. Die Wiener Erstaufführung 1857 in einem großen hölzernen Sommertheater in der Vorstadt Neulerchenfeld machte die Oper so populär, dass Johann Nestroy sie zum Gegenstand einer bis heute bekannten Parodie ("Tannhäuser und die Keilerei auf der Wartburg") machen konnte. 1859 war "Tannhäuser" in New York die erste Wagner-Aufführung in Amerika.
Die wohl berühmteste aller "Tannhäuser"-Aufführungen fand 1861 an der Pariser Grand-Opera statt. Wagner hatte, um die an diesem Haus übliche Balletteinlage zu ermöglichen, die Venusberg-Szene im ersten Akt zum großen "Bacchanal" erweitert. Dennoch wurde die Aufführung, die nach der enormen Zahl von 164 Proben herauskam, zum wahrscheinlich größten Theaterskandal des 19. Jahrhunderts. Nach drei chaotisch verlaufenen Vorstellungen zog Wagner die Partitur zurück, obwohl zu diesem Zeitpunkt alle weiteren Vorstellungen ausverkauft waren und sich ein Sensationserfolg abzeichnete. Dennoch begann mit diesen drei Aufführungen eine schwärmerische Wagner-Verehrung in Frankreich, die, propagiert vor allem von Charles Baudelaire, die französische Musik für mehrere Jahrzehnte auf die Wagner-Nachfolge festlegte. Die für Paris erstellte Bearbeitung des Werks aber wurde als "Pariser Fassung" die zweite der heute üblichen Standardversionen der Oper. Da beide Fassungen Wagner nicht befriedigten - die erste wegen der zu knappen Ausführung der Gegenwelt des Venusbergs, die zweite der stilistischen Uneinheitlichkeit wegen -, änderte er das Werk immer wieder um, ohne jemals eine definitive Fassung festzulegen; noch in seinem Todesjahr bemerkte er Cosima gegenüber, er sei "der Welt noch den Tannhäuser schuldig". 1891 folgte, gegen den Widerstand konservativer Wagnerianer, die Bayreuther Erstaufführung, inszeniert von Cosima Wagner. Sie versuchte, ihre Inszenierung ganz aus der Musik heraus zu entwickeln und damit den musikdramatischen Charakter des Werks zu unterstreichen. Diese "Modellaufführung" wurde alsbald überall in Europa (z. B. in Mailand und Paris) kopiert.
Siegfried Wagners Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen 1930 blieb vor allem deshalb im Gedächtnis, weil hier Rudolf von Laban das Bacchanal - wie zuvor schon 1921 in Mannheim - im Stil des deutschen Ausdruckstanzes choreographierte. Maria Müller wurde als ideale Elisabeth gerühmt. Das eigentliche Ereignis dieser Aufführung aber war das viel diskutierte Dirigat Arturo Toscaninis.
Von den Nachkriegsinszenierungen ist vor allem Wieland Wagners Bayreuther Aufführung von 1961 zu nennen, die das Geschehen in einem abstrakten Symbolraum vor Goldgrund abrollen ließ, und das Debüt von Grace Bumbry, der "schwarzen Venus", brachte. Götz Friedrichs sozialkritische Inszenierung von 1972, ebenfalls in Bayreuth, die in Beckettscher Leere und Verzweiflung endete, beschwor einen der größten Skandale in der Festspielgeschichte herauf. Unter dem Dirigat von Erich Leinsdorf sang hier Gwyneth Jones die Venus und die Elisabeth.

Uraufführung: 19.10.1845 am Königliche Sächsischen Hoftheater, Dresden

Die Besetzung der Uraufführung:

Tannhäuser : Josef Aloys Tichatscheck (spielte auch die Titelrolle in Rienzi)
Venus : Wilhelmine Schröder-Devrient (spielte auch Adriano in Rienzi und Senta in Der Fliegende Holländer)
Elisabeth : Johanna Wagner
Ein Hirt : Anna Thiele (spielte auch einen Boten in Rienzi)
Wolfram von Eschenbach : Anton Mitterwurzer (spielte auch den Kurwenal in Tristan und Isolde)
Landgraf Hermann : Georg Wilhelm Dettmer (spielte auch den Steffano Colonna in Rienzi)
Walther von der Vogelweide : Max Schloss
Biterolf : Johann Michael Wächter (spielte auch den Paolo Orsini in Rienzi und die Titelrolle in Der Fliegend Holländer)
Heinrich der Schreiber : Anton Curty
Reinmar von Zweter : Karl Risse (spielte auch den Cecco di Vecchio in Rienzi und den Daland in Der Fliegende Holländer)


13.03.1861 Uraufführung der "Pariser Fassung" (L´Opera, Paris):

Elisabeth: Marie Sass
Venus: Fortunata Tedesco
Landgraf Herrmann: Cazaux
Wolfram von Eschenbach: Morelli
Walther von der Vogelweide: Aimes
Biterolf: Coulon
Heinrich der Schreiber: König
Reinmar von Zweter: Freret
Ein Hirt: Reboux

 

 

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