Die Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner

 

Tristan und Isolde
Musikdrama in drei Akten
WWV: 90

Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 10. Juni 1865 München (Königliches Hof- und Nationaltheater)
Spieldauer: ca. 4.00 Stunden

 

Über das Werk:

Entstehung:
1842 lernte Wagner den Schriftsteller Julius Mosen kennen, dessen Gedicht "König Marke und Isolde" vielleicht eine erste Anregung gab. Als sicher gilt, dass Wagner August von Platens 1834 veröffentlichtes "Tristan-Gedicht kannte. Der mittelalterliche Versroman "Tristan" des Gottfried von Straßburg befand sich seit 1844 in Wagners Privatbibliothek, veranlasste den Komponisten aber vorerst nicht zu eingehender Beschäftigung. 1846 trug sich Robert Schumann mit Gedanken zu einer Tristan-Oper, für die ihm Robert Reinick ein Szenarium erstellt hatte. Da Wagner zu jener Zeit regelmäßig mit Schumann verkehrte, ist anzunehmen, dass er auch diesen Entwurf kannte. Die unmittelbare Anregung ging dann von Karl Ritter aus, der 1854 ein "Tristan"-Drama verfasst hatte. Im selben Jahr las Wagner Schopenhauers Schrift "Die Welt als Wille und Vorstellung", die er als Bestätigung seiner nachrevolutionären Resignation, die auch im "Tristan" zu spüren ist, auffasste.
Wagner lebte zu diesem Zeitpunkt seit knapp fünf Jahren im Schweizer Exil und arbeitete gleichzeitig am "Ring des Nibelungen". Ende 1856 erwähnte er in einem Brief an Franz Liszt eine vollständige, aber noch nicht schriftlich fixierte Konzeption für "Tristan und Isolde" (dieser Titel stand von vornherein fest). 1857 bezogen Wagner und seine Frau Minna das Gartenhaus der Zürcher Villa Wesendonck, das ihnen Wagners Förderer, der deutsche Fabrikant Otto Wesendonck, zur Verfügung gestellt hatte.
Offenbar war es das leidenschaftliche Verhältnis zu Mathilde Wesendonck, das Wagner 1857 bewog, die Komposition des "Siegfried" zu unterbrechen und sich dem "Tristan"-Stoff erneut zuzuwenden; Wagner selbst hat diese Verflechtung des Biografischen mit dem Werk immer wieder bestätigt: Tristan und Isolde, das waren er und Mathilde, Otto Wesendonck der betrogene König Marke. Am 18. September 1857 überreichte Wagner Mathilde Wesendonck die Urschrift der "Tristan"-Dichtung. Ende des Jahres folgte die Kompositionsskizze des ersten Akts. Im Frühjahr 1858 war die Partitur des ersten Akts beendet. Mittlerweile war die Situation im Hause Wesendonck unerträglich geworden, und Wagner begab sich nach Venedig, wo er bis zum Frühling des nächsten Jahres blieb, den zweiten Akt skizzierte und abschloss. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz im März 1859 begab sich Wagner zunächst nach Luzern; dort entstanden in gut drei Monaten Kompositionsskizze, Particell und Partitur des dritten Akts. Am 6. August 1859 war die Oper vollendet.
Es erwies sich als besonders schwierig, ein Theater für die Uraufführung zu interessieren. 1860 hatte Wagner in Paris das "Tristan"-Vorspiel konzertant dargeboten und damit selbst bei Hector Berlioz Unverständnis ausgelöst. 1862 begannen nach langen Verhandlungen die Proben zur Uraufführung in Wien; die dabei auftretenden Schwierigkeiten brachten das Werk in den Ruf, "unaufführbar" zu sein. Die Wiener Produktion wurde 1863 abgesagt, und erst, nachdem König Ludwig 11. Wagner nach München geholt hatte, konnte eine Aufführung des neuen Stücks ernsthaft erwogen werden. Sie fand 1865 unter der musikalischen Leitung Hans von Bülows unter optimalen Bedingungen am Münchner Hoftheater statt.

Zur Musik:
Die Oper ist mit der Gattungsbezeichnung "Handlung" versehen, eine wörtliche Übersetzung des griechischen "Drama". Gemeint ist damit nicht äußerliche Aktion, sondern - wie in der griechischen Tragödie - der im Wort sich mitteilende innere Vorgang. "Leben und Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der äußeren Welt, hängt hier allein von der inneren Seelenbewegung ab" (Wagner). Folgerichtig fehlt der konkrete historische Hintergrund, der noch im "Lohengrin" so wichtig war, ist die äußere Handlung auf ein Minimum von nur drei, zudem recht statischen Szenen reduziert.
Der Musik ist die Möglichkeit entzogen, irgendein äußeres Geschehen zu illustrieren: Sie hat nur mehr "die im Sprachvers ausgedrückte Empfindung" zu gesteigertem musikalischem Ausdruck zu bringen. Das erklärt eine völlig neuartige Konzeption für die Musik: die Dominanz des Orchesters (als des eigentlichen Handlungsträgers), in dessen sinfonischen Satz die Singstimmen gelegentlich fast wie obligate Instrumente eingewoben sind; die ausgeprägte Leitmotivtechnik (also die Bindung melodischer oder harmonischer Motive an bestimmte Personen oder Vorgänge der Handlung), die Form stiftend wirkt, wo das alte System geschlossener, nicht aus der Seelenbewegung" heraus entwickelter Formen keine Daseinsberechtigung mehr hat; die Harmonik schließlich, die die traditionelle Dur-Moll-Tonalität mit einer Vielzahl zuvor nie gehörter chromatischer Zwischenstufen durchsetzt (und damit tendenziell auflöst), weil es zur Schilderung differenzierter seelischer Vorgänge verfeinerter Mittel bedarf.
Berühmt geworden ist der erste Vierklang (f-h-dis-gis) des Werks, dessen Zusammensetzung nicht mehr eindeutig einer bestimmten Tonart zuzuordnen ist. Als "Tristan-Akkord" ist er in die Musikgeschichte eingegangen und wird als Wegweiser zur atonalen Musik verstanden.

Wirkung:
Die Uraufführung am 10. Juni 1865 entsprach in allem genau Wagners Wünschen; insbesondere stand ihm in Ludwig Schnorr von Carolsfeld ein Sängerdarsteller von Ausnahmeformat zur Verfügung. Als dieser am 21. Juli 1865 überraschend starb und damit die erste Aufführungsserie von "Tristan und Isolde" zu einem plötzlichen Ende brachte, hatte Wagner zunächst die Absicht, das Werk nie wieder aufführen zu lassen. Erst 1874 kam es in Weimar zu einer zweiten Inszenierung, Berlin folgte 1876. Charakteristisch für die "Tristan"-Rezeption im 19. Jahrhundert sind literarische Zeugnisse wie der Roman "L'Adultera" von Theodor Fontäne, in dem sich ein Ehebruch zu den Klängen des "Tristan"-Vorspiels und noch dazu in einem Treibhaus vollzieht, oder Thomas Manns Novelle "Tristan" (1903), in dem die Rätin Spatz diese Musik hörend von einem Krampfanfall heimgesucht wird.
In Bayreuth erschien das Werk erstmals 1886 auf der Bühne, dirigiert von Felix Mottl und inszeniert von Cosima Wagner; die Aufführung war ein Misserfolg. Tief enttäuscht über die illusionistischen Dekors, die ihm für das Seelendrama unpassend schienen, zeigte sich der Bühnenbildner Adolphe Appia - und schuf einen Gegenentwurf, den er im Anhang seiner programmatischen Schrift "Die Musik und die Inszenierung" (1899) veröffentlichte: Das Bühnenbild ist auf einfachste Zeichen reduziert, die Raumwirkung wesentlich durch Beleuchtung gestaltet. Erst 1923 konnte er diese Konzeption verwirklichen: an der Mailänder Scala, noch stärker abstrahiert und vereinfacht. In dieser legendären, von Arturo Toscanini dirigierten Produktion sangen u. a. Nanny Larsen-Todsen (Isolde) und Ezio Pinza (König Marke). Unterdessen wurden Appias Ideen aber auch von anderen aufgegriffen, so von Wsewolod Meyerhold, der mit "Tristan und Isolde" sein Debüt als Opernregisseur gab (St. Petersburg, 1909). Auf zeichenhafte Vereinfachung zielten auch Alfred Rollers Dekors im Stil der Wiener Secession für die von Gustav Mahler geleitete Aufführung an der Wiener Hofoper, 1903, in der Anna Bahr-Mildenburg die Isolde sang. Diese Inszenierung blieb dort bis 1943 im Repertoire.
Neue Akzente setzten in der Nachkriegszeit die Bayreuther Neuinszenierungen von Wieland und Wolfgang Wagner (1952 und 1962), auf fast leerer, mit nur wenigen symbolischen Elementen bestückter Bühnenfläche, die sich im zweiten und dritten Akt zu einem großen Rundhorizont öffnete. Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson wurden in diesen Inszenierungen für Jahre die führenden Interpreten der Titelrollen. Von den neueren Inszenierungen sei Jean-Pierre Ponnelles Bayreuther Festspielinszenierung aus dem Jahr 1981 genannt (Dirigent: Daniel Barenboim), die einem optisch berauschenden zweiten Akt im dritten Akt die Desillusionierung gegenüberstellte: Der gesamte Schluss war als eine Vision des sterbenden Tristan inszeniert. 1993 setzte der Schriftsteller Heiner Müller den Bayreuther "Tristan" (mit Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem) als "Verweigerung einer szenischen Interpretation" ("Opernwelt") in Szene. Die jüngste bedeutende Inszenierung des Werks ist jene von Klaus Michael Grüber zu den Osterfestspielen Salzburg 1999 (Dirigent: Claudio Abbado, mit Deborah Polaski und Ben Heppner). Das skelettierte, kühle "Traumschiff" aus nackten Stahlstreben, das Eduardo Arroyo dafür schuf, erinnerte assoziativ an die Aufsehen erregende Inszenierung von Ruth Berghaus 1988 an der Hamburgischen Staatsoper, die mit stilisierten nautischen Symbolen operiert hatte.


Uraufführung:

Ort der Uraufführung: 10.Juni 1865 im Königlichen Hof- und Nationaltheater München (Leitung: Hans von Bülow)

Besetzung der Uraufführung:

Tristan: Ludwig Schnorr von Carolsfeld (Tenor)
König Marke: Herr Zottmayer (Bass)
Isolde: Malvina Schnorr von Carolsfeld (Sopran)
Kurwenal: Anton Mitterwurzer (Bariton)
Melot: Karl Heinrich (Bariton oder Tenor)
Brangäne: Ann Deinet (Mezzosopran)
Ein Hirt: Simons (Tenor)
Ein Steuermann: Hartmann (Bariton)

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